Trampelpfade im Gehirn: 

Frühkindliche Reflexe und die Kraft der Wiederholung

Lesezeit: 5 Minuten


Liebe Mama und lieber Papa,

in meinen Erstgesprächen verwende ich häufig ein Bild, das vielen Eltern sofort einleuchtet:


Stell Dir einen Wald vor. Wenn immer wieder derselbe Weg gegangen wird, entsteht ein sichtbarer Trampelpfad. Er wird breiter, fester und leichter zu begehen. Irgendwann tragen Dich Deine Schritte ganz selbstverständlich hindurch.


Wird ein Weg hingegen nur selten genutzt, beginnt er zuzuwachsen. Er ist nicht verschwunden – aber er ist schmal, unsicher und weniger belastbar.


So entstehen auch neuronale Bahnen im Gehirn.



Neuroplastizität – wie sich neuronale Verbindungen entwickeln

Moderne Hirnforschung, unter anderem beschrieben in „Hirnzellen lieben Blinde Kuh“ von Annette Prehn, zeigt, dass unser Gehirn formbar ist. Erfahrungen verändern seine Struktur. Wiederholung stabilisiert Verbindungen und fehlende Aktivierung schwächt diese.


Das Prinzip dahinter lautet: Use it or lose it.


Was regelmäßig genutzt wird, wird tragfähig und was nur flüchtig aktiviert wird, bleibt weniger stabil.


Gerade in den ersten Lebensjahren geschieht dieser Aufbau über Bewegung, über das wiederholte Erleben von Drehungen, Gewichtsverlagerungen, Gleichgewicht und Körperspannung.



Integration und Umformung frühkindlicher Reflexe

Frühkindliche Reflexe sind angelegte Bewegungsprogramme. Sie dienen als Startimpulse für die Entwicklung des Nervensystems.


Einige dieser Reflexe werden im Laufe der Entwicklung vollständig integriert. Andere werden nicht einfach „abgeschaltet“, sondern in reifere Bewegungsmuster umgeformt. Ihre ursprüngliche Dominanz tritt zurück, während differenzierte Bewegungsabläufe entstehen.


Damit dieser Übergang gelingt, braucht das Nervensystem ausreichend Gelegenheit zur Wiederholung. Bewegungen müssen erlebt, durchlaufen und gefestigt werden.


Wird eine Phase nur sehr kurz durchlaufen oder standen bestimmte Bewegungsmuster kaum zur Verfügung, kann es sein, dass ein Reflex nicht vollständig integriert oder nicht ausreichend umgeformt wurde. In der Reflexintegration sprechen wir dann von einer Restaktivität.


Im Bild des Waldes bedeutet das: Der Weg ist angelegt, aber noch nicht ausreichend befestigt. Er trägt noch nicht zuverlässig in jeder Situation.



Wie sich eine Restaktivität im Alltag zeigen kann

Eine solche neuronale Unreife kann sich unterschiedlich äußern, zum Beispiel durch:

  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • motorische Unruhe
  • rasche Ermüdung
  • feinmotorische Unsicherheiten
  • Schwierigkeiten beim Lesen- oder Schreibenlernen
  • ausgeprägte emotionale Reaktionen


Viele Eltern beschreiben ihr Kind als interessiert, bemüht und gleichzeitig als schnell erschöpft oder schnell überreizt.


Wenn Du Dich hier wiedererkennst, lohnt sich ein Blick auf die motorisch-neuronale Basis.



Durch Reflexintegration den begonnenen Weg stabilisieren

Im Reflexintegrationstraining führen wir den Körper erneut in die ursprünglichen Bewegungsabläufe, ruhig, rhythmisch und regelmäßig. Über mehrere Wochen hinweg bekommt der betreffende Reflex gezielt Impulse um nachreifen zu können.


Dabei geht es nicht darum, etwas „wegzumachen“, sondern dem Nervensystem die Möglichkeit zu geben, den Übergang in eine reifere Form vollständig zu gestalten.


Im Bild des Waldes heißt das: Wir gehen den begonnenen Weg noch einmal bewusst und konsequent, bis er stabil genug ist, um im Alltag zuverlässig begangen werden zu können.


Durch diese strukturierte Wiederholung können sich neuronale Bahnen festigen und neu organisieren. Das Nervensystem erhält klare Impulse und kann bestehende Verschaltungen weiterentwickeln.



Entwicklung braucht manchmal eine zweite Gelegenheit

Vielleicht darf dieses Bild vom Wald heute bei Dir wirken.


Wenn Dein Kind in bestimmten Bereichen noch mehr Kraft aufbringen muss, könnte es sein, dass ein neuronaler Weg noch nicht ausreichend gefestigt ist oder ein Übergang in reifere Bewegungsmuster noch nicht vollständig gelungen ist.


Das bedeutet nicht, dass etwas „falsch“ ist. Es bedeutet, dass Entwicklung manchmal Zeit, Wiederholung und gezielte Begleitung braucht. Und genau dafür ist das Nervensystem gemacht.



Möchtest Du mehr erfahren?

Ich begleite Familien im Raum Lübeck und im Kreis Herzogtum Lauenburg sowohl im Rahmen der heilpädagogischen Frühförderung als auch durch gezieltes Reflexintegrationstraining.


Beide Angebote verfolgen unterschiedliche Aufträge und Rahmenbedingungen, gemeinsam haben sie jedoch das Ziel, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen.


Wenn Du Dich fragst, welcher Weg für Dein Kind sinnvoll sein könnte, klären wir das gerne in einem unverbindlichen Kennenlerngespräch.


Gemeinsam schauen wir, ob frühkindliche Reflexe noch aktiv sind und welche Form der Begleitung passend ist – klar, fachlich fundiert und wertschätzend.


Damit aus einem schmalen Trampelpfad ein tragfähiger Weg werden darf.