Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR):
Frühkindlicher Reflex mit Folgen für Motorik, Schreiben und Verhalten
Lesezeit: 7 Minuten
Liebe Mama und lieber Papa,
was hat die Kopfbewegung Deines Kindes mit Gleichgewicht, Schreiben und Konflikten zu tun?
Manchmal sind es kleine Auffälligkeiten, die Dir im Alltag begegnen: Dein Kind wechselt beim Schreiben die Hand. Es tut sich schwer, beim Lesen die Zeile zu halten. Oder es stolpert beim Fahrradfahren, sobald es den Kopf zur Seite dreht. Was auf den ersten Blick wie Koordinationsschwäche wirkt, kann mit einem frühkindlichen Reflex zusammenhängen – dem asymmetrisch-tonischen Nackenreflex, kurz ATNR.
Was ist der ATNR – und wann verschwindet er?
Der ATNR entwickelt sich ab der 18. Schwangerschaftswoche, ist bei der Geburt vollständig aktiv und sollte sich bis zum sechsten Lebensmonat zurückbilden. Wird der Kopf eines Babys zur Seite gedreht, strecken sich automatisch der Arm und das Bein auf dieser Seite. Die Gliedmaßen auf der gegenüberliegenden Seite beugen sich. Dieses Muster wird auch als „Fechterstellung“ bezeichnet.
Der Reflex erfüllt im Mutterleib und in den ersten Lebensmonaten mehrere wichtige Aufgaben:
- Er regt Bewegungen des Fötus an und fördert die Entwicklung des Muskeltonus.
- Er unterstützt die Geburtsbewegungen, insbesondere die Drehung durch den engen Geburtskanal.
- In Bauchlage sorgt er dafür, dass das Baby frei atmen kann, indem es reflexartig den Kopf zur Seite dreht.
- Er spielt eine Rolle beim Sehtraining: Die Augen folgen dem ausgestreckten Arm, was zentrale und periphere Sehverarbeitung sowie die Auge-Hand-Koordination vorbereitet.
Wann wird der ATNR zum Problem?
Etwa ab dem sechsten Lebensmonat sollte der ATNR von reiferen Bewegungsmustern abgelöst werden. Ist dies nicht der Fall, kann es zu einer Reihe funktioneller Schwierigkeiten kommen, die sich auf die Entwicklung, das Lernen und das Verhalten auswirken. Viele dieser Auffälligkeiten fallen erst im Kindergarten oder in der Schule richtig auf und oft ist die Ursache nicht auf den ersten Blick erkennbar.
Was passiert, wenn der Reflex bleibt?
Ein nicht integrierter ATNR kann zu:
- Gleichgewichtsproblemen führen, besonders wenn der Kopf zur Seite gedreht wird.
- Unkoordiniertem Bewegungsmuster führen (homolaterales Gehen statt Kreuzmuster).
- Schwierigkeiten beim Kreuzen der Körpermittellinie (z. B. beim Schreiben, Ballspielen, Turnen).
- Gemischter Lateralität (keine klare Händigkeit oder wechselnde Bevorzugung von Auge, Ohr, Hand).
- Visuellen Problemen wie Astigmatismus, unklarem binokularem Sehen, eventuell sogar Schielen.
- Auffälligkeiten bei der Handschrift, z. B. starker Druck, ermüdeter Griff, verzogene Linien oder Heftdrehung um bis zu 90 Grad.
- Erhöhter Muskelspannung im Schulter-Nacken-Bereich sowie in der Hüfte.
Auch die Auge-Hand-Koordination kann betroffen sein. Wenn das Kind mit dem Kopf einer Bewegung folgt, „zieht“ der Arm unwillkürlich mit. So fällt z. B. beim Schreiben der Stift aus der Hand oder das Kind muss ihn besonders fest halten. Diese dauerhafte Spannung führt zu Ermüdung – Schreiben wird anstrengend, nicht automatisiert. Das Kind muss so viel Kraft in den Schreibvorgang stecken, dass weniger Energie für den eigentlichen Gedankenfluss bleibt.
Das Resultat: Eine Diskrepanz zwischen mündlicher und schriftlicher Ausdrucksfähigkeit. Was im Gespräch klar und strukturiert erscheint, wirkt auf Papier holprig oder unleserlich.
Lesen, Schreiben, Verstehen – alles hängt zusammen
Ein noch aktiver ATNR kann auch die Augenbewegungen beim Lesen beeinträchtigen. Besonders an der Körpermittellinie stockt die Bewegung, sodass Buchstaben oder sogar ganze Wörter übersprungen werden. Die Lesegenauigkeit sinkt. Zusätzlich beeinträchtigt der Reflex die Lateralisierung – also die klare Festlegung einer dominanten Seite im Gehirn. Doch genau diese ist laut Hirnforschern wie Garzaniga oder Cohen-Raz essenziell, damit das Gehirn eingehende Informationen geordnet und effizient verarbeiten kann.
Wenn Bewegung Verhalten beeinflusst
Die Folgen eines aktiven ATNR sind nicht nur motorisch oder schulisch spürbar und sie wirken sich auch auf das soziale Miteinander aus. Ein Kind, das beim Gehen den Kopf zur Seite dreht und dabei unbewusst einen Arm ausstreckt, kann versehentlich jemanden stoßen oder schlagen. Für Außenstehende wirkt es wie eine absichtliche Handlung. Sätze wie „Du hast mich gehauen!“ – „Nein, hab ich nicht!“ sind typische Begleiterscheinungen solcher Missverständnisse. Das Kind lügt nicht – es hat schlicht keine bewusste Kontrolle über die Reflexbewegung, da diese im Hirnstamm ausgelöst wird.
Lebensnahes Beispiel: Der Fahrradführerschein
In vielen Bundesländern machen Kinder in der dritten Klasse ihren Fahrradführerschein. Beim Linksabbiegen sollen sie über die Schulter schauen. Wenn der ATNR noch aktiv ist, kann genau dieser Bewegungsimpuls dazu führen, dass das Kind unwillkürlich den Lenker verreißt – eine potenziell lebensgefährliche Situation. Vor allem bei linksseitig aktiven Reflexen tritt dieses Phänomen auf.
Woran Du einen noch aktiven ATNR erkennen kannst
Hier einige häufige Anzeichen:
- Das Gleichgewicht ist unsicher, sobald der Kopf zur Seite gedreht wird.
- Homolaterale statt überkreuzte Bewegungen beim Laufen, Marschieren oder Hüpfen.
- Schwierigkeiten beim Überkreuzen der Mittellinie mit Händen oder Blick.
- Wechselnde Händigkeit oder unsicherer Handgebrauch.
- Anstrengendes Schreiben, verkrampfter Griff, schwankende Linienführung.
- Abneigung gegenüber dem Schreiben oder Zeichnen von Achten.
- Visuelle Schwierigkeiten, vor allem bei symmetrischen Figuren.
- Haltungsprobleme, Muskelverspannungen, langsames Gehen, zögerliches Krabbeln oder unsicheres Fahrradfahren.
Was kannst Du tun?
Wenn Du bei Deinem Kind mehrere dieser Anzeichen wiedererkennst, kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen. Ein noch aktiver asymmetrisch-tonischer Nackenreflex lässt sich gezielt testen und durch ein strukturiertes Reflexintegrationstraining schrittweise integrieren.
Im Rahmen meines Reflexintegrationstrainings nach dem RIT®-Konzept begleite ich Kinder dabei, neurologische Grundlagen für Gleichgewicht, Koordination, Schreiben und Aufmerksamkeit zu stabilisieren. Die Übungen sind altersgerecht, körperorientiert und alltagsnah aufgebaut.
Wenn Du unsicher bist, ob der ATNR bei Deinem Kind noch eine Rolle spielt, kläre ich das gern gemeinsam mit Dir. Melde Dich dazu unverbindlich für ein kostenloses telefonisches Erstgespräch (ca. 30 Minuten) – wir schauen gemeinsam, ob ein Reflexintegrationstraining sinnvoll sein kann und welche nächsten Schritte passen.