Reflexintegrationstraining bei Kindern: Warum wir mit „Schaukeln“ beginnen
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Liebe Mama, lieber Papa,
vielleicht kennst Du diese Situation: Du kommst mit Deinem Kind ins Training und hast Dich im Vorfeld vielleicht schon mit frühkindlichen Reflexen, Konzentration oder motorischer Entwicklung beschäftigt. Möglicherweise hast Du auch schon von Themen wie Frühförderung oder Entwicklungsverzögerungen gehört und suchst nun nach einer passenden Unterstützung für Dein Kind.
Du erwartest vielleicht, dass wir direkt mit einem Test beginnen oder uns konkrete Auffälligkeiten anschauen.
Stattdessen erlebst Du in der ersten Stunde etwas ganz anderes. Dein Kind wird sanft bewegt, geschaukelt und in ruhige, rhythmische Abläufe begleitet.
Und vielleicht entsteht in Dir die Frage, was genau diese Bewegungen mit der Entwicklung Deines Kindes zu tun haben.
Genau das möchte ich Dir in diesem Artikel erklären.
Der wichtigste Startpunkt liegt im Stammhirn
Bevor wir uns einzelne frühkindliche Reflexe genauer anschauen, beginne ich in meiner Arbeit bewusst an der Basis der kindlichen Entwicklung. Diese Basis liegt im sogenannten Stammhirn.
Das Stammhirn ist der älteste Teil unseres Gehirns und bereits vor der Geburt aktiv. Es sorgt dafür, dass grundlegende Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Muskelspannung und Gleichgewicht überhaupt möglich sind. Gleichzeitig werden hier die frühkindlichen Reflexe gesteuert, die für die Entwicklung Deines Kindes eine zentrale Rolle spielen.
Wenn wir also an Reflexen arbeiten möchten, ist es aus meiner Sicht wichtig, nicht direkt bei den sichtbaren Auffälligkeiten zu beginnen, sondern zunächst das Fundament zu stärken, auf dem alles aufbaut.
Warum ich nicht sofort mit einem Test starte
In der ersten Stunde lernen wir uns kennen und ich verzichte bewusst darauf, die frühkindlichen Reflexe direkt zu testen.
Ein Test zeigt immer nur eine Momentaufnahme. Er gibt uns Hinweise darauf, wie Dein Kind sich aktuell organisiert, sagt jedoch noch nichts darüber aus, welche Voraussetzungen im Nervensystem vorhanden sind oder fehlen.
Viele Kinder, die zu mir kommen, zeigen bereits Auffälligkeiten im Bereich der motorischen Entwicklung, der Wahrnehmungsverarbeitung oder der Aufmerksamkeit. Genau diese Themen spielen auch in der heilpädagogischen Frühförderung eine zentrale Rolle.
Deshalb beginne ich damit, das Nervensystem zunächst zu stabilisieren und zu unterstützen, bevor wir in eine genauere Analyse gehen.
Was bei den rhythmischen Bewegungen geschieht
Die Bewegungen, die ich im ersten Schritt einsetze, sind ruhig, wiederholend und rhythmisch. Ich nenne sie im Alltag oft Schaukelübungen, weil sie an die Bewegungen erinnern, die Dein Kind bereits vor der Geburt erlebt hat.
Diese Bewegungen sprechen vor allem drei zentrale Wahrnehmungssysteme an, nämlich den Gleichgewichtssinn, die Tiefensensibilität und den Tastsinn.
Über diese Systeme erhält das Gehirn wichtige Informationen darüber, wo sich der Körper im Raum befindet, wie sich Bewegungen anfühlen und wie viel Spannung im Körper vorhanden ist. Diese Informationen sind die Grundlage für eine gesunde motorische Entwicklung, eine stabile Haltung und eine koordinierte Bewegung.
Durch die rhythmische Wiederholung werden genau die Reize gesetzt, die das Nervensystem benötigt, um sich weiter zu vernetzen und zu organisieren.
Die Rolle des retikulären Aktivierungssystems
Im Stammhirn befindet sich ein wichtiges Netzwerk, das sogenannte retikuläre Aktivierungssystem. Dieses System hat die Aufgabe, eingehende Reize zu filtern und zu entscheiden, welche Informationen für uns bedeutsam sind. Gleichzeitig beeinflusst es unsere Aufmerksamkeit und Wachheit.
Wenn dieses System nicht ausreichend aktiviert wird, fällt es Kindern schwer, sich zu konzentrieren, Reize zu sortieren oder bei einer Aufgabe zu bleiben. Genau hier zeigen sich häufig die Themen, mit denen Eltern sowohl im Alltag als auch im Rahmen einer Frühförderung Unterstützung suchen.
Die rhythmischen Bewegungen, die wir zum Start des Reflexintegrationstraining nutzen, unterstützen diesen Bereich, indem sie dem Gehirn kontinuierliche und gut verarbeitbare Reize anbieten. Dadurch kann sich die Aufmerksamkeit nach und nach stabilisieren.
Warum sich der Einstieg oft ungewohnt anfühlt
Viele Eltern sind zunächst überrascht, wie ruhig und einfach die ersten Übungen wirken.
In unserer heutigen Welt sind wir häufig daran gewöhnt, Entwicklung mit Aktivität, Anstrengung und sichtbarem Training zu verbinden. Die kindliche Entwicklung folgt jedoch anderen Prinzipien.
Kinder lernen in den ersten Lebensmonaten vor allem durch Wiederholung, Rhythmus und Bewegung. Genau diese ursprünglichen Erfahrungen greifen wir im Reflexintegrationstraining wieder auf.
Es geht nicht darum, etwas Neues zu erzwingen, sondern darum, dem Nervensystem die Möglichkeit zu geben, Entwicklungsschritte in seinem eigenen Tempo nachzuholen.
Ein Blick auf die Zeit vor der Geburt
Bereits im Mutterleib ist Dein Kind ständig in Bewegung. Es wird durch die Atmung, den Herzschlag und die Bewegungen der Mutter kontinuierlich stimuliert.
Diese rhythmischen Impulse wirken auf den Gleichgewichtssinn, die Tiefensensibilität und den Tastsinn und unterstützen die Reifung des Nervensystems.
Nach der Geburt verändert sich diese Umgebung grundlegend. Die gleichmäßigen Bewegungsreize fallen weg und das Kind muss sich an neue Bedingungen anpassen.
Im Training greifen wir diese ursprünglichen Bewegungsmuster wieder auf und unterstützen so die Weiterentwicklung des Nervensystems.
Was geschieht, wenn diese Basis nicht ausreichend entwickelt ist
Wenn die Reifung im Stammhirn nicht ausreichend unterstützt wurde oder bestimmte Entwicklungsschritte nicht vollständig durchlaufen wurden, kann sich das auf unterschiedliche Weise zeigen.
Einige Kinder zeigen Auffälligkeiten in der motorischen Entwicklung, andere haben Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeit oder wirken schnell überfordert. Genau diese Themen sind häufig Anlass dafür, dass Eltern sich Unterstützung im Rahmen einer Frühförderung oder eines Reflexintegrationstrainings suchen.
Es geht dabei nicht darum, etwas als falsch zu bewerten, sondern darum zu verstehen, an welcher Stelle das Nervensystem noch Unterstützung benötigt.
Reflexintegration und Frühförderung – eine sinnvolle Verbindung
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass sich Reflexintegrationstraining und Frühförderung sehr gut ergänzen.
Die Frühförderung begleitet Kinder ganzheitlich in ihrer Entwicklung und unterstützt Familien im Alltag. Das Reflexintegrationstraining setzt zusätzlich gezielt an den neuromotorischen Grundlagen an und kann die Entwicklung auf körperlicher und neuronaler Ebene unterstützen.
Gerade bei Kindern, die bereits Frühförderung erhalten oder bei denen Entwicklungsfragen im Raum stehen, kann diese Kombination sehr wertvoll sein.
Warum wir zuerst stabilisieren und dann aufbauen
Erst wenn das Nervensystem eine stabile Grundlage entwickelt hat, macht es Sinn, sich die einzelnen frühkindlichen Reflexe genauer anzuschauen.
Ein Reflex kann sich nur dann gut integrieren, wenn die Voraussetzungen im Nervensystem vorhanden sind.
Deshalb ist mein Vorgehen bewusst in drei Schritte gegliedert. Zunächst stabilisieren wir das Stammhirn, arbeiten mit rhythmischen Bewegungen und im nächsten Schritt schauen wir uns die einzelnen Reflexe gezielt an.
Was Du als Mutter oder Vater häufig beobachten kannst
Viele Eltern berichten bereits nach einiger Zeit, dass ihr Kind ruhiger wirkt, sich Bewegungen verändern und die Aufmerksamkeit zunimmt.
Oft zeigen sich diese Veränderungen nicht laut oder auffällig, sondern eher leise und kontinuierlich.
Das Kind wirkt mehr bei sich, findet leichter in seinen Körper und kann sich besser regulieren.
Wie es danach weitergeht
Nach dieser ersten Phase beginnen wir Schritt für Schritt damit, die einzelnen frühkindlichen Reflexe genauer zu betrachten und gezielt zu begleiten.
Wenn Du Dich intensiver mit diesem Thema beschäftigen möchtest, kannst Du gerne auch meine weiteren Artikel lesen:
- Was sind frühkindliche Reflexe
- Neuroplastizität und kindliche Entwicklung
- Der Mororeflex und der Furchtlähmungsreflex
Zum Abschluss
Der Einstieg in das Reflexintegrationstraining beginnt bewusst ruhig und an der Basis.
Sowohl in der Frühförderung als auch im Reflexintegrationstraining zeigt sich immer wieder, dass Entwicklung Zeit, passende Reize und ein stabiles Fundament braucht.
Indem wir das Nervensystem Deines Kindes sanft unterstützen, schaffen wir die Grundlage dafür, dass weitere Entwicklungsschritte möglich werden.
Und genau dort beginnt nachhaltige Veränderung.